Vom Träumer zur Zirkus-Attraktion 15.02.2002 18:33 Würzburg.

Es war die würdige Rückkehr eines Vergessenen auf die Bühne seiner Heimatstadt: Mit stürmischem Applaus feierte das Publikum im
Würzburger Theater Chambinzky die Wiederentdeckung des Dramatikers Max Mohr und seines Stückes "Ramper".
Gelungene Heimkehr von Max Mohr und seinem Stück "Ramper" im Theater Chambinzky
Dabei dürfte, bei aller Wertschätzung des Autors, der Applaus doch mehr der rundum stimmigen Inszenierung von Reinhard Mahlberg als dem Stück selbst gegolten haben. Denn trotz des zeitlosen Themas - der Sehnsucht nach der Einheit von Mensch und Natur - merkt man dem Text seine Zeitgebundenheit deutlich an. Eine psychologisch aufgeladene, von der Freudschen Traumtheorie stark beeinflusste expressive Sprache transportiert eine eher krude Märchenhandlung.

Mensch und Natur Gestrandet im ewigen Eis - Sabine Hardt gestaltet es effektvoll mit einem den ganzen Bühnenraum bedeckenden weißen Laken - sind der Flieger Ramper und sein treuer Begleiter, der alte Maschinist Ipling selbst zum statischen Bestandteil ihrer Umgebung geworden: Sinnbild einer "geglückten" Symbiose von Mensch und Natur - auf Kosten jeglicher Handlungs- und Bewegungsfähigkeit. Als Ipling (mit Souveränität Helmut Mahsberg) sich opfert, zerbricht der Idealzustand, wird Ramper zum Tiermenschen, schließlich gefunden und in die Zivilisation zurückgebracht.
Augenfällig zeigt Rainer Appel diesen Bruch, vom stoisch-heiteren Träumer zur schweigsam-dumpfen Zirkus-Attraktion. Die ihn quälende Nummer wird für seine Besitzer, das Artistenpaar Chocolat und Zizi (von Gaspar Occhoa-Ruiz und Britta Schramm witzig und stringent als geldgieriges und halbseidenes Gauner-Duo gegeben) zur finanziellen Goldgrube.

Mit dem Verkauf von Ramper an den ehrgeizigen Psychiater Barbazin steigern sie ihren Profit und degradieren Ramper zur Ware, machen ihn zum medizinischen "Fall". Mit näselnder Stimme darf Thorsten Rock sein komödiantisches Talent entfalten und den publikumswirksamsten Teil einleiten: Die köstliche Karikatur eines Irrenarztes stellt die ganze Zunft bloß und macht auch in Gestalt seiner beiden Assistenten (Johann Ertl und Gele Lehner) den medizinischen Allmachtswahn lächerlich. Wer da wirklich "krank" und wer "gesund" ist, darüber ließe sich auch heute trefflich räsonieren. Ramper jedenfalls wird als "geheilt" entlassen, und hat keinen sehnlicheren Wunsch, als dieser Gesellschaft schnellstmöglich zu entfliehen und ins Eis zurückzukehren. Nur die entstehende Liebes-Beziehung zu Barbazins Frau (Beate Arens gibt sie mit der gebotenen Autorität) lässt ihn zaudern - ein märchenhaftes Happy-End liegt in der Luft.

77 Jahre nach der Uraufführung vermag eine solche Handlung kaum zu erschüttern. Was den Abend über seine theaterhistorische Bedeutung hinaus dennoch sehenswert macht, ist Mahlbergs Inszenierung. Vorzügliche Schauspielerführung, punktgenau dosierte Slapstick-Komik, exzellentes Raumgespür und ein reduziert-stimmiges Bühnenbild treiben das Komödien-verwöhnte Publikum im Chambinzky zum donnernden Schlussapplaus. Der sicher auch als Anerkennung und Dank für den Mut der Theaterleitung - Rainer Binz und Kurt Egreder - zu werten ist, mit diesem nicht einfachen Stück einen vergessenen Würzburger Bürger jüdischen Glaubens wieder in die Öffentlichkeit und ins Bewusstsein der Stadtkultur zu bringen.

Bis zum 16. März, täglich außer Montag und Dienstag.

Karten gibt's unter Tel. (09 31) 5 12 62.

FOTO NORBERT SCHWARZOTT

Von unserem Mitarbeiter Manfred Kunz