Vor dem Zweiten Weltkrieg von München bis Hamburg als Autor gefeiert
Der Mohr kann bleiben
Das Würzburger Chambinzky-Theater erinnert sich mit „Ramper“ eines vergessenen
Sohnes der Stadt

Von Olaf Przybilla

Würzburg – Der Mann, der im Erdgeschoss Lattenrahmen und Kaltschaum-Matratzen verkauft,
weiß von nichts. Dass hier, in der Rottendorferstraße 1 einmal der Würzburger Schriftsteller Max
Mohr gelebt haben soll, ist ihm nicht bekannt. Die Mieter des Hauses mit den fünf Stockwerken und
den Wellblech-Balkonen sind ebenfalls überfragt. Einer sagt durch die Tür, er habe mit diesem
Herrn nichts zu tun und wolle auch nichts mit ihm zu tun haben. Mieter Christian Wolfsberger ist
Archivar, hat ebenfalls noch nie vom Doktor Max Mohr gehört – will nun aber wissen, um wen es
sich denn eigentlich handelt.
Max Mohr, Schriftsteller: geboren am 17.Oktober 1891 in Würzburg als Sohn des jüdischen
Malzfabrikanten Leon Mohr: Aufgewachsen in der Rottendorferstraße 1, hinter der Residenz. Abitur
am Würzburger Neuen Gymnasium, heutiges Riemenschneider-Gymnasium. Medizinstudium in
Würzburg und München, Promotion. Infanteriearzt im Ersten Weltkrieg, viermal verwundet.
Kriegsgefangen in England. Niedergelassen als Arzt in Rottach am Tegernsee. Verheiratet, eine
Tochter. Ein Jahr nach der NS-Machtergreifung nach Shanghai ausgewandert. Frau und Tochter
zurückgelassen. Am 13. November 1937 verstorben. Diagnose: Herzschlag wegen Überarbeitung.
Als Sanitätsoffizier beginnt Max Mohr 1914 zu schreiben. Seine Romane, darunter die 1992 neu
aufgelegte Großstadt-Satire „Venus in den Fischen“, bleiben zu Lebzeiten weithin unbeachtet. Erfolg
dagegen haben seine Dramen: Mit dem Erstling „Improvisationen im Juni“ feiert Mohr 1922 einen
Überraschungscoup am Münchner Residenztheater. Um die Uraufführung von „Ramper“ streiten
sich drei Jahre später schon fünf Theater. Am Ende einigt man sich darauf, die Sozialfarce an den
großen Häusern in München, Hamburg, Karlsruhe, Mainz und Bochum gleichzeitig aufzuführen.
1927 wird das Erfolgsstück mit Paul Wegener in der Titelrolle als „Ramper, der Tiermensch“,
verfilmt. Die gleichnamige Rundfunkaufnahme ist noch im selben Jahr in London und New York zu
hören. Nur in Mohrs Geburtsstadt Würzburg gibt sich das Publikum reserviert. Als dort 1923
erstmals ein Stück des Spätexpressionisten zu sehen ist, bleiben die Reihen leer. „Der Kreis der
literarisch Interessierten“, klagt der Rezensent Theo Kaufmann im Würzburger Generalanzeiger, „ist
hier nicht groß“. Die Aufführung verpufft, Mohr bleibt in Unterfranken ein Unbekannter. „Das liegt
an den Würzburgern und ihrer Eigenart“, bemerkt der Theaterkritiker schon damals weitsichtig, und
der Kollege vom sozialdemokratischen Fränkischen Volksfreund pflichtet bei: „Max Mohr ist auch
ein fränkischer Dichter, auch wenn ihn die Lokalpatrioten vergessen haben. Das Urteil über wahre
Bedeutung haben diese ja nicht abzugeben. Gott sei Dank!“ Nach 1945 vergessen die Lokalpatrioten
der Bischofsstadt ihren jüdischen Dichter erst recht. Nach der Verfemung im NS-Reich folgt nun
das Vergessen. Max Mohr findet nicht mehr statt in Würzburg. Keine Straße wird nach ihm
benannt, kein Platz kündet stolz vom Sohn der Stadt. In der Rottendorferstraße1 wirbt heute eine
Neonreklame für Würzburger Bier. Ein Hinweisschild auf das Wohnhaus der jüdischen
Fabrikanten-Familie Mohr, das im Bombenhagel des 16. März 1945 völlig zerstört wurde, findet
sich nicht. Dramen von Max Mohr werden in der Nachkriegsgeschichte nicht mehr aufgeführt in
Würzburg – nicht am einstmaligen Stadttheater und am heutigen Mainfranken Theater nicht. „Warum
Max Mohr dort nicht mehr gespielt wird, ist mir schleierhaft“, sagt Reinhard Mahlberg
kopfschüttelnd. Mahlberg ist freiberuflicher Regisseur, lebt derzeit in Bonn und arbeitet von Zeit zu
Zeit für das private Würzburger Theater Chambinzky. Dort gibt man, des Geldes wegen,
üblicherweise „Dinner für Spinner“, „Ladys Night“ und andere Dauerbrenner des Boulevards.
Seit Donnerstag aber wird nun Mohrs „Ramper“ in dem schicken Komödienhaus aufgeführt. Das
erste Mal in Würzburg seit mehr als siebzig Jahren. Ob Mohrs Tragikomödie an ein privates
Boulevardtheater gehört, ist Mahlberg gleichgültig. Ein Freund aus dem Chambinzky hat ihm den
Text vor einem Jahr in die Hand gedrückt, Mahlberg war fasziniert vom sprachgewaltigen Theater
des Doktor Mohr. Gemeinsam fand man Sponsoren, die ein etwaiges finanzielles Desaster des
Privathauses auffangen würden. Man will den Würzburgern ihren Max Mohr gerade dort zumuten,
wo niemand die Wiederentdeckung eines unterfränkischen Expressionisten vermuten würde.
„Ramper“ erzählt die Geschichte eines Polarforschers, der im Eis strandet, nach Jahren gefunden
und als Tiermensch an ein Varieté verkauft wird. Es ist im Wortsinn die Geschichte eines
„Halbmenschen“, der von der feinen Gesellschaft in der Gestalt eines Psychiaters gleichzeitig geheilt
und verstümmelt wird, am Ende weder Tier noch Mensch ist und daran zugrunde geht. Und wie
nebenbei ist „Ramper“ die Geschichte des Juden Max Mohr, der nirgends Wurzeln schlägt, in
Würzburg nicht und nicht in Rottach, der sich in Syrien und Ägypten in einem „französischen
Bumszirkus“ verdingt und schließlich 1934 ohne Begründung nach Shanghai emigriert – ohne
jemals Frau und Kind davon erzählt zu haben, dass er Jude ist.
Dass Max Mohr posthum in Würzburg eine Heimat findet, scheint unwahrscheinlich. Irgendwann
könnte vielleicht, so stellt die Stadt derzeit in Aussicht, einmal eine Straße nach ihm benannt werden.
So wie in Rottach-Egern. Die Ausstellung, die 1998 in dem Münchner Literatur-Archiv Monacensia
Leben und Werk Max Mohrs dokumentierte, wird in Würzburg in nächster Zeit allerdings nicht zu
sehen sein. Des Geldes wegen, heißt es.
„Ramper“ ist bis 16. März im Würzburger Theater Chambinzky zu sehen; Telefon 0931/51262,
www.chambinzky.com.

Auffuehrungskritik Mainpost/Wuerzburg